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Die hypnotisierende Erzählung der Überforderung

Die große Erzählung der Überforderung – oder: Wie die Postmoderne sich selbst hypnotisiert

Es gehört inzwischen zum guten Ton, die Welt als unverständlich, zu schnell, zu komplex zu bezeichnen. Kaum ein Vortrag über Gegenwart, der nicht mit diesem Satz beginnt: „Alles ist heute viel komplizierter geworden.“ Man nickt zustimmend, fast erleichtert, als hätte jemand die Diagnose ausgesprochen, die man ohnehin längst spürt. Doch vielleicht ist das alles ein grandioses Missverständnis. Vielleicht ist die Welt gar nicht komplexer geworden – sondern wir sind es, die aufgehört haben, sie zu begreifen, weil wir uns in die Pose der Überforderten geflüchtet haben.

Philosophisch betrachtet, ist Komplexität kein neues Phänomen, sondern eine epistemologische Konstante: Die Welt war immer schon unüberschaubar, widersprüchlich, vieldeutig. Was sich verändert hat, ist nicht die Welt selbst, sondern die Art und Weise, wie wir sie erkennen und ordnen. Die Rede von wachsender Komplexität verwechselt die Struktur der Wirklichkeit mit der Struktur unserer Wahrnehmung. Komplexität ist kein Merkmal der Dinge, sondern eine Kategorie des Denkens – sie beschreibt die Differenz zwischen dem, was ist, und dem, was wir begreifen können. Und die Wechselwirkungen zwischen dem Erkannten und der Wirklichkeit.

Wenn wir also sagen, die Welt sei „zu komplex“ geworden, dann sagen wir in Wahrheit, dass wir den Mut verloren haben, mit der immer schon vorhandenen Unüberschaubarkeit der Welt umzugehen. Die epistemologische Dimension der Komplexität – die Einsicht, dass jedes Wissen auf Auswahl, Reduktion und Sinnbildung beruht – ist der eigentliche Ausgangspunkt. Nicht die Welt ist zu viel, sondern unsere Denkdisziplin ist zu wenig.

Die These jedoch, dass die Moderne an ihrer eigenen Komplexität scheitere, ist zur großen Selbstentschuldigung einer Zeit geworden, die nicht mehr denken will. Die Rede von „Komplexität“ ist das intellektuelle Äquivalent zum „Ich hatte keine Zeit“ – ein rhetorischer Schutzwall gegen die Zumutung, sich ernsthaft mit der Wirklichkeit auseinanderzusetzen. Denn wer sich für überfordert erklärt, hat von vornherein Recht: Man kann ja nichts dafür, man ist ja nur Opfer der Umstände.

Tatsächlich ist das Gerede von der unbeherrschbaren Komplexität der Welt eine denktheoretische Fiktion, ein Mantra, das seine eigene Wahrheit dadurch erschafft, dass es ständig wiederholt wird. Der Mensch wird von ihr nicht überwältigt – er will überwältigt werden. Die Vorstellung, die Welt sei zu schnell, zu widersprüchlich, zu viel, enthebt ihn der Verantwortung, selbst ein Urteil zu bilden. Das Denken, das sich einst als Akt der Selbstermächtigung verstand, ist zu einem Ritual der Selbstentmächtigung geworden.

So entsteht eine paradoxe Lage: Wir leben in einer Epoche des beispiellosen Wissenszugangs, doch die Mehrheit der Menschen verhält sich, als sei Denken ein Hochrisikosport. Es gilt, sich möglichst konform zu verhalten, nicht zu sehr aufzufallen, die gängigen Deutungen zu übernehmen, bevor sie sich ändern. Das intellektuelle Grundrauschen ist das der Herde – der Versuch, sich auf der richtigen Seite zu wähnen, ohne je gefragt zu haben, was „richtig“ überhaupt bedeutet.

Die Überkomplexitätsthese, so populär sie ist, verkehrt die Wirklichkeit ins Gegenteil. Nicht die Welt ist zu komplex, sondern unser intellektueller Apparat ist zu träge geworden, um sie noch als differenziert zu denken. Die Welt ist nicht komplizierter als im 19. Jahrhundert, sie ist nur lauter. Doch statt den Lärm zu analysieren, erklären wir ihn zum Beweis für die Unergründlichkeit der Welt. Wir verwechseln Informationsrauschen mit Erkenntnis, Meinung mit Wissen, Konsens mit Wahrheit.

Dabei war es früher genau umgekehrt: Man wusste, dass die Welt unendlich, widersprüchlich, unberechenbar ist – ein dichter Dschungel aus Ursachen und Wirkungen, Zufällen und Möglichkeiten. Aber man nahm die Machete des Verstandes in die Hand und begann, Schneisen zu schlagen. Nicht um die Welt zu beherrschen, sondern um sich in ihr zu orientieren. Diese intellektuelle Selbstermächtigung, das Vertrauen darauf, dass Denken auch im Dickicht noch Wege bahnen kann, ist heute weitgehend verloren gegangen.

An ihre Stelle ist das narrative Herdentier getreten. Es lebt nicht, um zu verstehen, sondern um zuzustimmen. Es bezieht seine Orientierung nicht mehr aus der Erfahrung, sondern aus der Beobachtung, welche Deutungen Mehrheitsfähigkeit besitzen. Es denkt in der Logik des algorithmischen Rankings: wahr ist, was trendet. Das Ich schrumpft zu einem Resonanzkörper kollektiver Empfindlichkeiten.

Bereits Leon Festinger, der die Theorie der kognitiven Dissonanz begründete, erkannte, dass der Mensch bei widersprüchlichen Kognitionen instinktiv motiviert ist, die Dissonanz zu verringern – also das Denken mit sich selbst in Einklang zu bringen. Doch Festinger sprach nie davon, diese Kohärenz durch Anpassung an das Denken anderer herzustellen. Die Auflösung innerer Widersprüche war als individueller, autonomer Akt gedacht – als Versuch, Wahrheit und Erkenntnis in Einklang zu bringen, nicht als soziale Harmonisierung mit der Mehrheit. Gerade dieser Gedanke ist heute pervertiert: Man wähnt die Dissonanz nicht mehr im eigenen Denken, sondern in der Abweichung von der Masse – und neutralisiert das eigene kritische Denken durch Konformität.

Die vermeintliche Überforderung ist also keine objektive Tatsache, sondern eine kulturelle Erzählung, die den postmodernen Menschen in seinen Reflexen dressiert hat. Es ist die große Ironie der Gegenwart, dass sie sich selbst ständig für besonders kritisch hält, während sie in Wahrheit vor allem Angst hat, abweichend zu denken. Nicht die Komplexität der Welt lähmt uns, sondern die Angst, nicht im Takt der großen Narrative zu marschieren.

Die Herde ist nicht dumm, sie ist ängstlich. Sie sucht Geborgenheit in Zustimmung, Sicherheit im Echo. Doch jede Zustimmung, die aus Angst entsteht, ist geistige Selbstaufgabe. Und so lebt der moderne Mensch in einem paradoxen Zustand: Er hält sich für mündig, während er in Wahrheit permanent Bestätigung sucht. Er glaubt, kritisch zu sein, während er sich am liebsten in moralischer Konformität wärmt.

Das Problem ist nicht, dass die Welt zu schnell geworden wäre – das Problem ist, dass der Mensch aufgehört hat, innezuhalten. Er verwechselt Bewegung mit Denken, Reaktion mit Reflexion, Aktualität mit Wahrheit. Die eigentliche Beschleunigung spielt sich nicht in der Welt ab, sondern im Kopf: ein Dauerlauf gegen die Angst, zurückzubleiben.

Wenn also heute vom „Verlust der Orientierung“ die Rede ist, dann liegt der Grund nicht in einer überkomplexen Realität, sondern in einer selbst erzeugten mentalen Unmündigkeit. Die Gesellschaft leidet nicht an zu vielen Informationen, sondern an zu wenig Mut, diese Informationen zu ordnen.

Vielleicht wäre der erste Schritt zurück zur geistigen Freiheit, die angebliche Überkomplexität der Welt nicht länger als Naturgesetz hinzunehmen, sondern als das, was sie ist: eine ideologische Fiktion. Der Mensch ist nicht überfordert – er ist hypnotisiert. Er läuft nicht vor der Welt davon, sondern vor dem Gedanken, dass sie durchaus begreifbar wäre. Denn das hieße, Verantwortung zu übernehmen.

 

Für Bettina und Susanne Becker zum Zwillingsgeburtstag am 23. November 2025

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