Kult
Der Konflikt, den wir in diesen Jahren erleben, ist kein gewöhnlicher Streit zwischen politischen Lagern. Es ist ein Kampf um den Geist selbst, um das Verhältnis des Menschen zur Welt. Ein Kulturkampf – aber nicht im historischen Sinn des 19. Jahrhunderts, als Katholiken und Sozialdemokraten um die Seele des Staates rangen. Es ist ein neuer, tieferer Kulturkampf: ein Kampf zwischen der Kultivierung des Chaos und einem Kult des Chaos.
Auf der einen Seite steht ein Lager, das – oft als „rechts“ geschmäht – in Wahrheit die Tradition der Aufklärungverteidigt: Vernunft, Erfahrung, Maß, Realitätssinn. Es hält fest an der Idee, dass Denken Unterscheiden heißt, dass Freiheit Verantwortung voraussetzt und dass Wahrheit nicht beliebig ist. Dieses Lager will verstehen, bevor es richtet. Es sucht Erkenntnis, nicht Erlösung.
Auf der anderen Seite steht eine Bewegung, die sich „progressiv“ nennt, deren Fortschritt aber ohne Ziel und Richtungbleibt. Sie definiert sich nicht durch das, was sie aufbauen will, sondern nur durch das, was sie zerstören muss. Ihre Energie ist nicht kulturell, sondern kultisch. Sie ersetzt Denken durch Haltung, Urteil durch Gesinnung und Geschichte durch Moral. Es ist ein Kult des Manichäischen: die Welt geteilt in Gut und Böse, in Erleuchtete und Verdammte.
Man kann diese Haltung bis zu Karl Schmitts Begriff des Politischen zurückverfolgen – der Freund-Feind-Unterscheidung als letztem Fundament der Politik. Doch was bei Schmitt eine analytische Kategorie war, ist heute zu einer moralischen Ersatzreligion geworden. Das Politische wird nicht mehr verstanden, sondern exorziert. Wer nicht bekennt, gilt als Feind.
So verwandelt sich das, was einst als Emanzipation begann, in eine neue Orthodoxie. Fortschritt wird zum Dogma, Kritik zur Häresie. Die Sprache selbst wird zum Instrument der Reinwaschung: Wörter werden ausradiert, Bedeutungen umprogrammiert, Begriffe moralisch entkernt. Das Denken verliert seine Richtung, weil es sich weigert, noch unterscheiden zu wollen.
Der Rationalismus – so kühl, so unpoetisch er erscheinen mag – ist unter diesen Bedingungen plötzlich der letzte Hüter des Menschlichen. Denn er erinnert daran, dass Wahrheit nicht abstimmbar ist, dass Freiheit das Gegenteil von Gesinnungstreue ist, und dass Kultur aus der Form entsteht, nicht aus der Ekstase.
Der eigentliche Bruch unserer Zeit verläuft also nicht zwischen rechts und links, sondern zwischen zwei Formen des Geistes: dem Geist der Kultur und dem Geist des Kults. Die Kultur will Ordnung schaffen, um das Chaos zu bändigen. Der Kult will das Chaos freisetzen, um die Welt zu reinigen.
Doch dort, wo alles fließen soll, hört der Mensch auf, ein Wesen der Verantwortung zu sein. Er wird Teil einer Strömung, einer Bewegung, eines moralischen Kollektivs. Kultur dagegen verlangt das Gegenteil: Distanz, Urteilskraft, die Fähigkeit, innezuhalten. Sie ist nicht das Gegenteil von Leben, sondern seine höhere Form.
In diesem Sinn ist der heutige Kulturkampf kein Streit um Macht, sondern um Maß. Er entscheidet darüber, ob Denken noch ein Versuch ist, die Welt zu begreifen, oder nur noch ein Ritual, sie zu verfluchen.
Wenn also heute von „rechts“ und „links“ die Rede ist, dann sind das eigentlich nur alte Etiketten auf neuen Fronten. Der wahre Gegensatz unserer Zeit ist der zwischen Vernunft und Vision, zwischen Kultur und Kult.
Und so einfach es klingt: Die Verteidigung der Vernunft ist die Verteidigung der Menschlichkeit. Denn Kultur – das heißt, das Chaos zu ordnen, ohne es zu vernichten. Der Kult – das heißt, das Chaos zu feiern, bis nichts mehr bleibt.